Unten

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UNTEN

Tino Breitenbach

Eine Kurzgeschichte zur Adventszeit

 

»Siehst du was?« Till tritt von einem Fuß auf den anderen. Er ist zu klein, um aus dem Fenster hinunter auf die Straße zu schauen. Alles, was er sieht, sind ein paar Schneeflocken, die sich an die Scheibe verirren und zu Wassertropfen tauen.
Sein Bruder starrt in die Tiefe. »Nein. Da ist rein gar nichts.«
»Vielleicht sollten wir auf den Balkon gehen, dann kann ich suchen helfen.«
»Das hat Mama verboten, das weißt du.«
»Mama ist nicht da.«
Benny sieht ihn nun an. »Okay, dann hol deine Jacke, ich möchte nicht, dass du draußen erfrierst.«
Das braucht er ihm nicht zweimal sagen. Till grinst und rennt los.
»Und vergiss die Schuhe nicht.«

Die Kälte gräbt sich in Gesicht und Hände. Der Schnee hätte liegen bleiben können, was er aber nicht macht. Mama und Papa schwelgen des Öfteren in der Vergangenheit und erzählen ihnen, wie schön es früher gewesen ist, mit all dem Weiß vor der Haustür und dem geheimnisvollen Knirschen unter den Schuhen. Till hat noch nie so einen Winter erlebt.
»Beug dich nicht so weit über die Brüstung!«, sagt sein Bruder und zieht ihn an der Kapuze zurück. »Ich will nicht, dass du herunterfällst.«
Till reißt sich los. »Keine Angst, ich bin doch nicht blöd!« Er geht wieder näher ran und schaut auf die graue Straße. Langsam hat er keine Lust mehr zu warten. Sein Bruder hat ihn wahrscheinlich angelogen. »Bist du dir sicher, dass sie kommen?«
Sein Bruder nickt.
»Wie sehen sie aus?«
»Anders, als du sie dir vorstellst.«
»Du weißt gar nicht, wie ich sie mir vorstelle.«
Kurz bevor Till aufgeben will, sieht er, wie schmutziggrauer Nebel die Straße hochzieht. »Kommen sie jetzt?«, flüstert er. Sein Hals ist trocken. Das Herz hämmert in seiner Brust. »Sind das die Wichtel vom Weihnachtsmann?«
Ein leises Wimmern dringt an seine Ohren.
Aus den nassen Schwaden erheben sich Schatten, die zu grunzenden, röchelnden Körpern werden.
Tills Hände krampfen sich um das Gestänge der Brüstung. Die beißende Kälte spürt er nicht mehr. Eine deformierte Fratze löst sich aus dem Grau und blickt ihn an. Blitzende Zähne gieren hungrig. Ein weiterer Wichtel zieht etwas hinter sich her, das eine rote Spur hinterlässt.
Till fängt zu schreien an.

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